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Pressemitteilung

M+E Beschäftigung 2000 / Mehrarbeit kein Hemmnis für Neueinstellungen

(Köln) - Egal ob es mit der Konjunktur auf- oder abwärts geht: Alle Jahre wieder stehen die Überstunden der Unternehmen im Fadenkreuz der Kritik. Sie seien ein beschäftigungspolitisches Übel, das je nach konjunktureller Situation mal Neueinstellungen verhindere, mal Entlassungsprozesse beschleunige. Dahinter steht die Vorstellung, 1. es gäbe zu viele Überstunden, die nur aus Egoismus der Beteiligten (Unternehmen und Arbeitnehmer) gefahren würden, und 2. diese Mehrarbeit könnte problemlos in zusätzliche Arbeitsplätze umgewandelt werden. Auch der Sommer 2000 bleibt von dieser Diskussion nicht verschont. Deshalb noch einmal die wichtigsten Fakten zu diesem Thema aus der Sicht der M+E-Industrie.


Langfristig immer weniger Überstunden

Die M+E Unternehmen disponieren bei Überstunden schon seit Jahren äußerst zurückhaltend. Anfang der 70er Jahre wurden bei wesentlich längerer tariflicher Wochenarbeitszeit rund dreimal so viele Überstunden gefahren wie heute. Selbst 1998 entfernte sich die Zahl der Überstunden trotz des sehr starken Produktionswachstums mit durchschnittlich 1,4 Stunden je Mitarbeiter und Woche nur wenig vom historischen Tiefstand während der Rezession 1993 (1,1 Stunden). Hier dürfte die praktische Untergrenze liegen. Denn es ist zu vermuten, dass 1993 nur noch solche Überstunden gemacht wurden, die zur Vermeidung von kurzfristigen Friktionen (z.B. drohende Terminüberschreitungen, Wartungsarbeiten u.ä.) unbedingt nötig waren. 1999 sank die Überstundentätigkeit wieder auf 1,2 Stunden.

Für das Jahr 2000 hat die Überstunden-Statistik des Statistischen Bundesamtes noch keine Zahlen ausgewiesen. Einige Indizien deuten darauf hin, dass es in der M+E-Industrie im 1. Halbjahr 2000, wenn überhaupt, nur eine geringfügige Zunahme der Überstunden gegeben hat.

Die im Durchschnitt pro Arbeiter geleistete Stundenzahl war in den ersten 5 Monaten zwar um 3,3 Prozent höher als in derselben Zeit des Vorjahres, eine Zunahme von 3 Prozent ergibt sich aber allein schon aus der höheren Zahl an Arbeitstagen (+3 Tage). Der Rest lässt sich durch den Rückgang der Kurzarbeit erklären. Danach hat es in diesem Jahr bisher weder eine Zunahme der Mehrarbeit noch einen Aufbau von Zeitguthaben gegeben.

Den Ergebnissen des Ifo-Konjunkturtestes zufolge wurden Ende April in 47 Prozent der M+E-Unternehmen Überstunden gefahren, mehr als betriebsüblich bei nur 6 Prozent. Dies signalisiert eine leichte Zunahme gegenüber 1999. In dem konjunkturell vergleichbaren Jahr 1998 wurden allerdings deutlich höhere Werte gemessen (55 bzw. 13%).


Wann ist Überstundenabbau beschäftigungswirksam?

Überstundenabbau kann unter drei Bedingungen zu Neueinstellungen führen: (1) Es muss sich um stetig anfallende Überstunden handeln, damit wenigstens eine befristete Neueinstellung erfolgen kann. (2) Es müssen hinreichend viele Überstunden in der gleichen Tätigkeit vorhanden sein, damit sie zu einer vollen (zumindest zu einer halben) Stelle gebündelt werden können. (3) Es müssen geeignete Bewerber vorhanden sein, damit die durch Überstundenabbau entstandene Vakanz tatsächlich besetzt werden kann.

Die gewerkschaftlichen Schätzungen des Einstellungspotentials durch Überstundenabbau gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Überstunden alle drei Kriterien erfüllt. Diese Annahme ist frei gegriffen, es liegen ihr keinerlei statistischen Erhebungen in den Betrieben zugrunde. Für die M+E-Industrie ist die Annahme mit Sicherheit falsch.

Mehr als in den meisten anderen Branchen wird in der M+E-Industrie der weitaus überwiegende Teil der Überstunden von Fachkräften erbracht, im Maschinenbau z.B. rund 80 Prozent (Angelernte 15%, Ungelernte 5%)

Weil dem so ist, die von qualifizierten Fachkräften geleistete Mehrarbeit aber nur begrenzt von neu einzustellenden, bisher arbeitslosen Arbeitskräften übernommen werden kann, hat nach einer wissenschaftlichen Untersuchung des DIW (DIW-Wochen-bericht 31/99) ein genereller Überstundenabbau nur einen sehr geringen Beschäftigungseffekt. Nach den DIW-Berechnungen sind für Gesamtdeutschland über alle Branchen hinweg maximal 20.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu erwarten.

Mit Blick auf die Beschäftigungswirksamkeit des Überstundenabbaus ist zu beachten, dass in den Metall- und Elektro-Berufen aktuell knapp 80.000 beim Arbeitsamt gemeldete Stellen nicht besetzt werden können, weil es offenbar an geeigneten Bewerbern mangelt – eine Zunahme um 20 Prozent innerhalb der letzten 12 Monate. Nach IAB-Untersuchungen wird den Arbeitsämtern aber nur etwa jede 3. freie Stelle gemeldet. Man kann also davon ausgehen, dass in der M+E-Industrie derzeit mindestens 240.000 Arbeitsplätze wegen fehlender oder ungeeigneter Bewerber nicht besetzt sind. Insofern sind Zweifel angebracht, ob eine Umwandlung von Überstunden in Neueinstellungen überhaupt in nennenswertem Umfang möglich ist. Eine undifferenzierte Einschränkung von Überstunden, die keine Rücksicht auf die konkreten betrieblichen Belange nimmt, ist nur im negativen Sinne beschäftigungswirksam: Sie gefährdet vorhandene Arbeitsplätze.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts Zukunft der Arbeit (IZA, Prof. K. Zimmermann) unter dem Titel "Overtime Work and Overtime Compensation in Germany", Bonn 1999. Dort heißt es: Überstunden werden in erster Linie im Bereich der höher qualifizierten Mitarbeiter gefahren. Werden diese Überstunden weggeschnitten, dann fällt reguläre Arbeitszeit bei den weniger qualifizierten weg, d.h. es fallen dann auch Arbeitsplätze weg.


M+E-Industrie: Neueinstellungen vor Überstunden

Bei der Anpassung des Arbeitsvolumens an das starke Produktionswachstum dominierten in der M+E-Industrie eindeutig die Neueinstellungen gegenüber zusätzlichen Überstunden.

Das war so im Konjunkturaufschwung 1997/98. Damals hatte die Zahl der Beschäftigten in der M+E-Industrie von August 1997 bis Ende 1998 um ca. 80.000 zugenommen. Dagegen wurde die Zahl der Überstunden um gerade einmal 0,1 Stunden (= 6 Minuten) je Arbeiter und Woche erhöht.

Der jetzige, Mitte 1999 begonnene Aufschwung brachte bis heute (Mai 2000) einen Zuwachs um 31.000 Mitarbeiter. Die Zahl der Überstunden hat in dieser Zeit, den o.g. Indizien zufolge allenfalls um 0,1 oder 0,2 Stunden zugenommen.

Sonderauswertungen des Ifo-Konjunkturtests haben immer wieder (zuletzt 1998) gezeigt, dass in der M+E-Industrie zwischen Überstunden und Neueinstellungen ein enger positiver Zusammenhang besteht. Firmen mit Überstunden sind in der Regel diejenigen, die auch Neueinstellungen vornehmen. Dies gilt insbesondere für die – allerdings wenigen - Betriebe, die mehr als betriebsüblich Überstunden machen. Firmen ohne Überstunden bauen mehrheitlich Personal ab.


Arbeitszeitgutschriften ersetzen Überstunden

Bei der Bewältigung von konjunkturellen Spitzen treten Arbeitszeitgutschriften an die Stelle der Überstunden. In der M+E-Industrie können im Rahmen der tarifvertraglichen Regelungen die über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus geleisteten Stunden auf Arbeitszeitkonten gutgeschrieben werden. Die Konten müssen innerhalb eines Zeitraums von bis zu 27 Monaten wieder glatt gestellt werden. Auf solche Gutschriften entfiel 1998 mehr als ein Fünftel des zusätzlichen Arbeitsvolumens. Der Aufbau der Zeitkonten entspricht rechnerisch 17.500 Neueinstellungen. Ob es allerdings wirklich zu diesen Neueinstellungen gekommen wäre, wenn es keine Zeitkonten gegeben hätte, ist angesichts der zur damaligen Zeit rund 120.000 Vakanzen mehr als fraglich.


Guthaben auf Arbeitszeitkonten sicherten 1999 Arbeitsplätze

Die auf den Zeitkonten aufgebauten Guthaben haben sich 1999 stabilisierend auf die Arbeitsplätze ausgewirkt.

Aufgrund des stark nachgelassenen Produktionswachstums hatte die M+E-Industrie 1999 das Arbeitsvolumen herunterfahren müssen. In dieser Situation boten die 1998 aufgebauten Zeitguthaben einen zumindest vorübergehenden Schutz vor Kurzarbeit und Beschäftigungsabbau. Mitte 1999 waren die im Vorjahr entstandenen Zeitguthaben im wesentlichen aufgezehrt. Rechnerisch könnte damit ein Beschäftigungsabbau von 17.000 Mitarbeitern vermieden worden sein. Die tatsächliche Auswirkung dürfte aber wesentlich geringer gewesen sein, weil die Guthaben in der Regel ungleichmäßig auf Betriebe und Beschäftigte verteilt sind. Eine nennenswerte Zunahme der Zeitguthaben in diesem Jahr ist ebenso wie eine Zunahme der Mehrarbeit bisher nicht zu erkennen.


Abschaffung von Überstunden durch Lebensarbeitszeitkonten

Mit der Einführung von Lebensarbeitszeitkonten ließen sich die Überstunden weiter reduzieren. Dazu muss eine Reihe von praktischen Problemen gelöst werden.

Für ältere Arbeitnehmer in der M+E-Industrie ab 50 Jahren besteht bereits heute die Möglichkeit, über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus geleistete Stunden auf Langzeitkonten anzusparen. Diese Guthaben werden als Eigenleistung in das Altersteilzeit-Modell eingebracht.

Überstundenabbau durch Langzeitkonten dürfte aber auch für jüngere Jahrgänge interessant sein. Dann könnten Guthaben angesammelt werden z.B. für ein Sabbat-Jahr oder für besondere Qualifizierungszeiten jeweils bei vollen Bezügen.

Wenn Lebensarbeitszeitkonten nicht mobilitätshemmend wirken sollen, dann müssten klare Regelungen zwischen dem alten und dem neuen Arbeitgeber für den Fall gefunden werden, dass der Arbeitnehmer den Arbeitsplatz wechselt.


Quelle und Kontaktadresse:
Gesamtverband der metallindustriellen Arbeitgeberverbände e.V. (Gesamtmetall)
Volksgartenstr. 54 a, 50677 Köln
Telefon: 0221/33990
Telefax: 0221/3399233
E-Mail: info@gesamtmetall.de
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(dvf)