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Pressemitteilung

IAT widerspricht Wirtschaftsweisen / Mehr soziale Ungleichheit hilft nicht Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen

(Gelsenkirchen) - Die These, dass "wir in Deutschland mehr soziale Ungleichheit brauchen, um mehr Beschäftigung zu bekommen", ist nicht haltbar. "Von schlecht bezahlten Arbeitskräften ist weder Qualität noch Innovationsfreude zu erwarten", kritisiert der Arbeitsmarktexperte Prof. Dr. Gerhard Bosch, Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), die jüngsten Empfehlungen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. "Niedriglöhne sind kein geeignetes Instrument zur Entwicklung von Dienstleistungen in Deutschland".

Laut Bosch ist es durchaus ökonomisch machbar und sinnvoll, die Beschäftigungsquote zu erhöhen, ohne dabei das amerikanische Modell mit hoher Lohnungleichheit zu übernehmen. Vorbilder sollten eher die beschäftigungspolitisch ebenso erfolgreichen europäischen Länder, wie die Niederlande oder Dänemark, sein. Um den Rückstand Deutschlands bei den Dienstleistungen aufzuholen, ist ein Maßnahmenpaket der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierung nötig - vom Übergang zur Qualitätsproduktion, Professionalisierung von Dienstleistungen und moderne Arbeitszeiten über die Förderung der Frauenerwerbstätigkeit bis zum Ausbau der Sozialstaats zur Überwindung der "Kostenkrankheit" zentraler Dienste wie Bildung und Gesundheit.

Die Beschäftigungsquote im Dienstleistungssektor liegt in Deutschland um rund zehn Prozent unter den entsprechenden Werten der Niederlande, Großbritanniens oder der skandinavischen Länder. Berechnungen des Instituts Arbeit und Technik zum Zusammenhang von Einkommensungleichheit und Arbeitsvolumen zeigen jedoch, dass mit niedrigeren Einkommen keineswegs mehr Arbeitsstunden im Dienstleistungssektor geleistet werden, wie es in den USA der Fall ist. Eine höhere Einkommensungleichheit würde sich lediglich bei Dienstleistungen für private Haushalte positiv niederschlagen, die aber im Vergleich zu den sozialen, produktionsnahen oder distributiven Dienstleistungen nur einen geringen Anteil ausmachen.

Viele soziale Dienstleistungen leiden unter der "Kostenkrankheit", da sie arbeitsintensiv und nur begrenzt rationalisierbar sind und zudem oft hohe Qualifikationen erfordern, was ihren Preis zusätzlich erhöht. Viele Konsumenten könnten sich diese Dienste nicht leisten, sofern sie privat zu bezahlen sind. Würden Dienstleistungen wie Bildung und Erziehung, medizinische Dienste oder Pflege allein über den Markt abgewickelt, könnten sie von vielen eigentlich Bedürftigen nicht in Anspruch genommen werden. "Man könnte die Einkommensverhältnisse wieder an den Zähnen oder - ganz aktuell - am Bildungsstand der Kinder erkennen", warnt Bosch. Gründe der sozialen Gerechtigkeit ebenso wie wirtschaftliche Effizienz und Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit sprechen dafür, die Kostenkrankheit dieser Dienste zu mildern. Dazu sind unterschiedliche Finanzierungsinstrumente geeignet, die von kostenloser steuerfinanzierter Bereitstellung (z.B. Schulen) über Versicherungslösungen (Kranken- Renten, Pflegeversicherung), Arbeitgeberumlagen (Unfallschutz), bis hin zu einkommensabhängigen Stipendien (z.B. Studienförderung), Gebühren (Kindergärten) oder Gutscheinen (Weiterbildung) reichen.

"Die Diskussion über die Dienstleistungsgesellschaft hat sich in Deutschland in den letzten Jahren zu 90 Prozent auf Nebenphänomene - wie den Ausbau des Niedriglohnsektors - fixiert", so Bosch. Es ist an der Zeit, die zentralen Themen wirtschaftlicher und sozialer Innovationen anzupacken. Die Pisa-Studie hat diese Versäumnisse schmerzlich in Erinnerung gerufen.

Quelle und Kontaktadresse:
Institut Arbeit und Technik
Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen
Telefon: 0209/17070
Telefax: 0209/1707110
E-Mail: braczko@iatge.de
Internet: www.iatge.de
(dvf)